Der Seeblick

Muss ich da etwa nackt sein?

Männer und Wellness – das ist ein Kapitel für sich. Während manche die wohltuenden Behandlungen bereits für sich entdeckt haben, müssen andere erst noch Vertrauen fassen. Aber es lohnt sich. Traut euch, Männer! Auch ihr dürft es euch einfach mal gut gehen lassen, einfach da sein und euch wohlfühlen.

Vor ein paar Wochen wurde in unserem örtlichen Drogerie-Markt umgeräumt. Rechts vorn, auf dem Weg zur Kasse, wo einst bunte Süßigkeiten den Wartenden anlachten, ist nun alles dunkelblau, grün und grau. Hier, in der Pole Position des Vertriebs, gibt es jetzt Kosmetik für den Mann. Entweder ist das schon der neueste Trend oder es soll einer werden. In jedem Fall müssen die Aussichten, spezielle Gesichtscremes und Körperlotionen, Augengels, Feuchtigkeitsfluids und das eine oder andere erfrischende Tonikum an den Mann zu bringen, sehr aussichtsreich sein. Der Mann von heute gibt sich offenbar nicht mehr mit einem Duschbad „for men“ und seiner Rasiercreme zufrieden. Das macht Sinn, warum sollten nur Frauen ihrem Körper Gutes tun?

Von Feuchtigkeitscreme und Alltag

Vor vier Jahren schenkte ich meinem Freund eine Tube Feuchtigkeitscreme. Damals hatte er mich für Recherchen zu einer Behandlung begleitet, die eigentlich als „Weiber-Wellness“ mit einer Freundin gedacht war. Als diese krank wurde, sprang er spontan ein. So machte er seine ersten Erfahrungen mit Schlamm-Packung, Wellness-Massage und Gesichtsbehandlung. Er war sehr angetan. Vor allem von dem Gefühl einer erfrischten Haut war er total begeistert. Heute, vier Jahre später, steht die Tube noch immer ungeöffnet im Regal. Es ist offenbar noch ein Stückchen Weg für ihn, die positive Erfahrung in den Alltag mitzunehmen. 

Wie gut, dass wir ab und zu im Resort Mark Brandenburg sind und sich hier diese positiven Erlebnisse wiederholen lassen. In der Therme zu entspannen war für meinen Freund als erfahrenen Sauna-Gänger noch nie ein Problem. Auch eine Rasul-Anwendung macht er inzwischen gerne mal mit. Aber als ihm kürzlich eine Einzelbehandlung bevorstand, wurde er doch nervös. Eine entspannende Kopf- und Fußmassage steht auf dem Programm: „Perfekt auf die Bedürfnisse von Männern abgestimmt: Erfrischendes Aloe Vera-Gel und regenerierendes Fluid sowie straffendes Efeu-Gel verwöhnen die beanspruchte Männerhaut. Spezielle Massagegriffe an Kopf und Fuß spenden neue Kraft und Vitalität“, verspricht der Flyer. Für mich klingt das himmlisch. Ihn macht es unsicher.

Von Mut und dem Sinn der Hingabe

Jemanden ohne ärztliches Rezept so nah an sich heranzulassen, ist für ihn wie für viele Männer offenbar ein großes Thema. Und es erfordert einen gewissen Mut, sich über die Stimmen im Kopf hinwegzusetzen. „Was habe ich mir nicht schon alles anhören dürfen, wenn ich Kollegen von der wohltuenden Massage berichtet habe“, sagt er. Für viele Männer scheint es schwer vorstellbar, etwas einfach so, zur Entspannung, zu tun. Für sie geht es immer um ein Ziel. In dieser Logik muss auch jede Massage einen bestimmten Zweck erfüllen. „Es gab stets ein andeutungsvolles Augenzwinkern oder aber eine Frage nach meinem Gesundheitszustand“, berichtet er. Und obwohl er schon gute Erfahrungen mit Wellness-Massagen gemacht hat und weiß, dass das Resort Mark Brandenburg kein Rotlichtviertel hat, fragt er nervös: „Muss ich da etwa nackt sein?“

Das muss er nicht. Kann er aber, denn die empfindlichsten Körperregionen werden stets diskret mit einem Tuch bedeckt. Und es ist so einfach, im Bademantel von der Therme in den SPA-Bereich zu laufen und es sich auf der Massageliege bequem zu machen. 

Das tut er dann auch und lässt sich ein, einhüllen vom Duft der Cremes und Massage-Öle, umfangen von den sanften Klängen der Musik. „Endlich Ruhe. Endlich Frieden. Endlich keine Gedanken mehr“, berichtet er später von seiner Erfahrung. Auch die Mischung aus sanften und kräftigeren Griffen habe ihm dabei geholfen, sich fallenzulassen, und alle Konzepte davon, was Mann eigentlich darf oder nicht darf, zum Schweigen gebracht. 

Auf meine Frage, wie er es fand, sagte er wie aus der Pistole geschossen: „Zu kurz!“ Ich werte das als Begeisterung und sehe, wie es in seinem Kopf arbeitet: Vielleicht doch mal eine Ganzkörpermassage? Ich gönne es ihm. Und er sich hoffentlich auch bald. Vielleicht hilft es ja, sich und ihm bewusst zu machen, wie gut Entspannung gegen Stress hilft und dass das wiederum die Gesundheit fördert. Das kann man(n) ja als klares Ziel definieren – und sich dann einfach mal hingeben an den Moment.

Jana Pajonk ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin aus Berlin. Bei Recherchen für ihr Buch „Rund um Berlin – janz weit draußen“ fand sie 2015 eher zufällig nach Neuruppin und landete in der Fontane Therme. Sie verliebte sich in den Ort und die Stadt und kommt seitdem immer wieder ins Resort Mark Brandenburg. Ab und zu liest sie Hotelgästen aus ihrem Buch vor. Aber meistens lässt sie hier einfach die Seele baumeln.

Foto (c) Katrin Dinkel