Der Seeblick

Begegnung mit dem fünften Element

Therme – das sind Wasser, Salz, Wärme und Luft. Sie fördern unsere Gesundheit und sorgen für Wohlbefinden. Mit einem besonderen Saunaritual kann man diese Wirkung noch steigern.

Kann es sein, dass man sich nach einem Tag in der Therme deswegen so wohl fühlt, weil man hier mit den grundlegenden Elementen in Kontakt ist? Diese Fragen ploppte letztens im Kaminzimmer der Fontane Therme in mein Bewusstsein. Die traditionelle Chinesische Medizin und viele Naturvölker kennen fünf Elemente: Feuer, Wasser, Luft, Mineralien und Erde. Ich ging sie durch, die Elemente in der Fontane Therme. Wo das Feuer ist, ist klar: in den Saunen und das Feuer im Kamin. Wasser ist in den Pools und im See ebenso allgegenwärtig wie die Mineralien in Form des Salzes. Die Luft hat man auf dem Weg zur Seesauna und als feuchte Variante im Dampfbad. Aber was ist mit der Erde? Ein Spaziergang barfuß auf der Wiese, im Sommer, klar. Aber im Winter? Und geht es auch direkter? Bei einem Blick in das Wellness-Menü werde ich in den Saunaritualen fündig: Die Rasulanwendung. „Eine spezielle Reinigungszeremonie mit Pflegeschlamm und Heilkreide“, heißt es da, „Leib und Seele beflügelnd.“ Das muss ich ausprobieren. Mein Freund macht mit, denn die Rasulanwendung gibt es erst ab zwei Personen. 

Rasul – Ein Ritual für (mindestens) zwei Personen

Heute ist es soweit: Ich vervollständige meine Thermenerfahrung und gehe in Kontakt mit dem fünften Element. Martin vom Thermen-Team holt uns bei den Fußbadwannen ab. Er hat die Tür zum Kräuterdampfbad mit einem farbenfrohen Tuch von innen zugehängt und außen ein Schild angebracht. Es verrät: Dieser Raum gehört für die kommenden 30 Minuten uns allein. Wir treten ein. Auf der Bank stehen zwei große Zuber mit warmem Wasser, weiter oben drei Schalen, sogenannte „Tas“. Zwei sind leer, in der dritten befinden sich vier Stück Seife und vier Massagehandschuhe. Daneben liegen zwei Waschlappen. Martin schließt die Tür hinter sich und begrüßt uns mit einer kleinen Verbeugung. Während sanfter Dampf uns langsam umhüllt, erklärt er den Ablauf des Rasulrituals: Zuerst werden wir uns mit einem Seifenpeeling reinigen. Dann sorgt die Heilerde für eine Tiefenreinigung, gefolgt von einer tiefgehenden Pflege durch Heilkreide. Zuletzt sollen wir bei einem Tee nachruhen.

Weg mit dem oberflächlichen Dreck

Wir haben die Wahl zwischen Lavendel- und Rosenseife, dann verlässt unser Ritualleiter den Raum und wir beginnen mit dem Seifenpeeling. Ich ziehe mir an jede Hand einen Peelinghandschuh, entscheide mich für Lavendel und schrubbe mich von den Füßen über die Beine bis zum Hals kräftig ab. Schließlich sollen keine abgestorbenen Hautzellen meinen Körper davon abhalten, den folgenden Kontakt mit der Erde voll auszukosten. Mein Freund tut es mir nach. Und dann ist klar, warum es Sinn macht, dieses Ritual mit mindestens zwei Personen durchzuführen: Es ist schwer, sich allein den Rücken zu schrubben. Wir helfen uns gegenseitig. Anschließend nehmen wir jeder eine der leeren Schalen und beschöpfen uns mit dem angenehm warmen Wasser. Wieder und wieder. Der Seifenschaum gleitet sanft zu Boden. 

Tiefenreinigung mit Heilerde

Da geht die Tür auf und Saunameister Martin bringt eine Schale grauer Masse. „Matschepampe!“ geht es mir durch den Kopf, dicht gefolgt von unvermittelter Freude. Da sind Erinnerungen an die Kindheit, als es erlaubt war sich einfach mal voll und ganz einzumatschen. Und genauso schön fühlt es sich dann auch an, als wir den grauen, weichen Brei der Heilerdemasse auf unseren Körpern verteilen. Ich matsche und schmiere und bin plötzlich mit allem an mir einverstanden, fühle mich einfach nur wohl und schön. Alles ist weich und glatt und warm. Ich bin wirklich großzügig mit dem Schlamm auf mir und fast ein wenig traurig als die Schüssel leer ist. Wir setzen uns und lassen die Heilerde wirken. Mineralstoffe, Spurenelemente und was sonst noch alles gut für mich und meine Haut ist, darf sich breit machen, während Giftstoffe dank der Heilerde ihren Weg nach außen antreten, unterstützt vom Wasserdampf um uns herum. Ein paar Minuten steht sie Zeit still. Es gibt nur Schlamm und Dampf. Dann geht die Tür wieder auf. Unser Zeremonienmeister bringt frisches Wasser in den Zubern, mit dem wir uns den Schlamm von der Haut spülen. Beim Beschöpfen des Körpers frage ich mich, warum man darauf nicht öfter zurückgreift. Es ist so angenehm.

Tiefenpflege mit Heilkreide

Als der graue Schlamm restlos abgewaschen ist, kommt der weiße Schlamm: Heilkreide aus Rügen. Sie soll die Haut beruhigen und mit Mineralstoffen versorgen. Und tatsächlich spüre ich eine angenehm zarte Erfrischung als ich mich nun ganz in weiß tunke. Wieder genieße ich das Gefühl des Rummatschens nach Herzenslust. Wieder komme ich zur Ruhe als die Schüssel leer ist und die Masse einwirkt. Ein letztes Mal betritt Martin diesen Raum heute nur für uns, wieder beladen mit zwei hölzernen Zubern voll frischem Wasser, mit dem wir die Kreide von unseren Körpern waschen.

Eingehüllt ausruhen

Martin gibt jedem von uns zwei Hamam-Tücher als wir das Kräuterdampfbad verlassen. Eines umhüllt unsere Körper. Das andere legt er uns um die Schultern, entsprechend der Hamam-Kultur. Anschließend geleitet der Ritualleiter uns ins Laconium. Die warmen Steinbänke sind jetzt nur für uns reserviert. Auch diese Tür wurde mit einem bunten Tuch zugehängt und einem Schild versehen, damit wir ungestört bleiben. Handtücher und Waschlappen liegen bereit. Wir machen es uns bequem. Schon kommt Martin mit einem Tablett schönster Teegläser, einer dampfenden orientalischen Teekanne und kleinen Glasschälchen. Eines ist leer (für den Teebeutel), eines mit Honig gefüllt und zwei mit einer zartgrünen Masse. Wir bekommen zur Erfrischung ein Glas kaltes Wasser. Der Tee darf noch kurz ziehen, während wir uns mit der zartgrünen Masse, einer Saunacreme mit Minze, einreiben. Eingehüllt in unsere Tücher lassen wir das Ritual bei einem süßen orientalischen Tee ausklingen. Spätestens jetzt bin ich angekommen, in 1001 Nacht.

Da war es also, das fünfte Element. Einen Thermentag ohne Heilerde kann ich mir in meinem auf Ganzheitlichkeit getrimmten Bewusstsein nun kaum noch vorstellen.


 

Jana Pajonk ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin aus Berlin. Bei Recherchen für ihr Buch „Rund um Berlin – janz weit draußen“ fand sie 2015 eher zufällig nach Neuruppin und landete in der Fontane Therme. Sie verliebte sich in den Ort und die Stadt und kommt seitdem immer wieder ins Resort Mark Brandenburg. Ab und zu liest sie Hotelgästen aus ihrem Buch vor. Aber meistens lässt sie hier einfach die Seele baumeln.

Foto (c) Katrin Dinkel